Die Fronten zum Thema Glyphosat sind verhärtet. Schwarz- weiß-Denken bringt in dieser Thematik jedoch nicht weiter. Die Wahrheit wird, wie meist überall, in der Mitte liegen. Die Menge macht bekanntlich den Stoff zum Gift. Welche Folgen hätte ein Totalverbot in Österreich oder der EU, wenn es in anderen Ländern weiterhin eingesetzt würde?

Die Europäische Kommission hat am 29. Juni, in quasi letzter Sekunde, eine zeitlich begrenzte Wieder-Verlängerung des Wirkstoffes Glyphosat, für 18 Monate, beschlossen. Am 30. Juni wäre die Zulassung für Glyphosat ausgelaufen. Vom ursprünglichen Plan, Glyphosat für weitere 15 Jahre zuzulassen, musste die Kommission Abstand nehmen.

Megakonzern Monsanto

Im Mai 1970 synthetisierte Monsanto erstmals die Verbindung und ließ Glyphosat 1971 als Herbizid patentieren. Monsantos Patente auf Glyphosat sind in den meisten Staaten mittlerweile abgelaufen. Glyphosat wird besonders intensiv bei glyphosatresistenten Pflanzen, RoundupReady (RR)-Pflanzen, eingesetzt, denen gentechnisch eine Resistenz gegen das Totalherbizid übertragen wurde. Über 85 Prozent der weltweit angebauten Gentech-Pflanzen tragen eine Herbizidresistenz, zumeist gegen Glyphosat. Laut dem Internationalen Service für die Verbreitung der Agro-Gentechnik (ISAAA) wird RR-Soja inzwischen auf 90 Millionen Hektar in Nord- und Südamerika angebaut. Vor allem als Futtermittel werden diese in großen Mengen nach Europa importiert.

Umstrittene Sikkation

In einigen Ländern werden glyphosathaltige Herbizide auch kurz vor der Ernte eingesetzt. Bei diesem Verfahren kann es nicht ausgeschlossen werden, dass Rückstände im Erntegut verbleiben. Österreich hat 2013 den Einsatz zur Sikkation (Beschleunigung der Abreife) untersagt. In unserm Land gehörte diese Art der Anwendung jedoch nie zur gängigen Praxis, im Gegensatz zu anderen Ländern wie Deutschland und Großbritannien. Deutschland schränkte die Sikkation im Mai 2014 ein. In Österreich verwenden Landwirte glyphosathaltige Herbizide um auf das Pflügen verzichten zu können. Die Mulch- und Direktsaat sind besonders bodenschonend, da der Boden vor Erosion geschützt bleibt. Glyphosat ist deshalb auch als fester Bestandteil bodenschonender Anbauverfahren nicht mehr wegzudenken. Alternativen stecken häufig noch in der Testphase.

Verwendung bei Straßenrändern und Bahndämmen

Eine große Menge an Glyphosat wird jedoch dazu verwendet, Straßenränder und Bahndämme, private Gärten oder Kinderspielplätze unkrautfrei zu halten. Univ.-Prof. Günter Neumann von der Universität Hohenheim sieht mehr Sachverstand bei der Anwendung des Herbizids für dringend geboten. Er setzt sich für einen gezielteren Einsatz des Mittels ein. Doch ein komplettes Verbot hält er für kontraproduktiv. Die Vorteile beim Einsatz in bodenschonenden Anbauverfahren seien derzeit nicht mit anderen Methoden zu erreichen. Neumann geht auch davon aus, dass ein Totalverbot von Glyphosat das Problem der Rückstände in der Nahrungskette nicht grundlegend verändern würde. „Für die Futter- und Nahrungsmittelindustrie wird in großem Maßstab Soja importiert, und das stammt überwiegend von glyphosatresistenten Sorten.“ Außerdem könne es vom Regen in die Traufe führen: „Das würde wohl zunächst eher die Verwendung anderer herbizider Wirkstoffe begünstigen, die oft deutlich weniger untersucht und gegebenenfalls sogar problematischer sind als Glyphosat“, so Neumann weiter.

Bodenorganismen

Über mögliche Nebenwirkungen dieser Herbizide auf sogenannte Nicht-Zielorganismen – also Tiere und Pflanzen die durch das Mittel nicht geschädigt werden sollen – ist nur sehr wenig bekannt. 2014 wurde dazu eine Studie der Universität für Bodenkultur (BOKU) veröffentlicht. Johann Zaller, Professor für Ökologie an der BOKU und Leiter des Forschungsteams, zu den Ergebnissen: „Das verwendete Unkrautvernichtungsmittel mit dem Hauptwirkstoff Glyphosat hatte in der vorgeschriebenen Dosis deutliche Nebeneffekte auf Bodenorganismen. Regenwürmer waren tendenziell dicker und weniger aktiv; die Besiedelung der Pflanzenwurzeln und des Bodens mit Mykorrhizapilzen war deutlich reduziert.“ Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) hat dazu folgende Stellungnahme abgegeben: „Unter Anbetracht der festgestellten Unsicherheiten der Studie ist eine direkte Berücksichtigung auf Basis einer quantifizierten Aussage der Studie im Rahmen eines Bewertungsverfahrens eher nicht möglich. Es ist aber auch festzuhalten, dass definitiv Effekte auf Regenwürmer festgestellt wurden. Eindeutige und ausschließliche Zusammenhänge zwischen den beobachteten Effekten und Glyphosat können auf Basis der Studie nicht festgestellt werden.“