Wie man die gewachsene Tradition der Milchproduktion erfolgreich gegen die Wand fahren kann, führt uns die Europäische Union deutlich vor Augen.

Kamikaze wurde eine japanische Spezialtruppe der Kaiserlichen Marineluftwaffe im Zweiten Weltkrieg genannt. Es waren Piloten, die durch Selbstmordangriffe gegen Schiffe der Kriegsgegner flogen. Die Auftragserfüllung bezahlten sie mit ihrem Leben. Unsere heimischen Bauern haben die Vorgaben, die in Brüssel geschmiedet werden, auch auszuführen. Das Gesetz ist einzuhalten, sonst droht Strafe. Die Rahmenbedingungen für die Europäische Milchpolitik gleichen ebenso einer regelrechten Kamikaze-Aktion.

Vor zwei Jahren wurde die Milchquote abgeschafft. Die Vorgabe, den Milchmarkt zu liberalisieren, ist bereits Jahre zuvor gefallen. Expandieren, haben die ÖVP-Agrarpolitiker deshalb schon rechtzeitig den Bauern geraten. Auf Grund der Quotenüberschreitung sollen die heimischen Bauern deshalb in den vergangenen 20 Jahren 450 Millionen Euro Strafe gezahlt haben. „Wir haben uns dabei auf eine Prognose der EU berufen, die meinte, dass der Milchmarkt wachsen wird. Damit haben sie sich aber leider geirrt“, sagt Josef Siffert, Sprecher der Landwirtschaftskammer Österreich.

Doch die Kuh muss gemolken werden. Deshalb wird der Überschuss zu Milchpulver verarbeitet und von der EU in großem Stil aufgekauft, wenn der Preis unter eine bestimmte Grenze fällt (2016: 350.000 Tonnen). Das Pulver wird in Hallen eingelagert und hofft auf bessere Zeiten. Wann der Tag gekommen ist, entscheidet Brüssel.

„Die Exporterfolge der deutschen und europäischen Milchwirtschaft bestehen bisher hauptsächlich aus einem höheren Absatz von Magermilchpulver und Molkepulver. Vor allem Milchpulver ist ein standardisiertes Massenprodukt. Wettbewerb findet vor allem über den Preis statt. Mit dem Ziel, auskömmliche Erzeugerpreise für Milch zu sichern, sind Milchpulverexporte daher kaum vereinbar“, erläutert Tobias Reichert von Germanwatch. Im Jahr 2014 betrug der Anteil von Milch- und Molkepulver mehr als 60% der EU- Milchexporte.

„Afrika ist der wichtigste Absatzmarkt für Milchpulver aus der EU. 2013 ging ein Fünftel der EU-Exporte nach Afrika südlich der Sahara, weitere 14% nach Nordafrika“, erklärt Kerstin Lanje, Expertin für Welthandel und Ernährung bei MISEREOR. In den Jahren 2005-2015 sollen sich die EU-Exporte dorthin mehr als verdoppelt haben. „Mit Pflanzenfett angereichertes Magermilchpulver, das aufs unterste Marktsegment abzielt, gilt als der neue Exportschlager der EU in Afrika“, so Francisco Marí, Referent für Welternährung, Agrarhandel und Meerespolitik von „Brot für die Welt“. In einer Dokumentation des ZDF zum Thema „Der Irrsinn mit der Milch“, wird die Situation der afrikanischen Bauern, die unter der billigen Milch aus der EU leiden, dargestellt. Wie kann es sich lohnen, Milch so weit zu transportieren? „Sowohl über die Subventionen, als auch über die intensive Haltung, schafft es Europa auf dem gesamten Milchmarkt der Welt mitzubieten“, erklärt Marí. Deshalb kann europäische Milch sogar mit der, die in Afrika produziert wird, konkurrieren. Joghurt der Firma Zott kostet in Kamerun weniger als das vor Ort produzierte. Die örtliche Genossenschaft zahlt immerhin mindestens 37 Cent pro Liter Milch. Es wird deshalb befürchtet, dass sich in naher Zukunft die wirtschaftliche Lage der afrikanischen Hirtenfamilien, die etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, durch mehr Importe aus der EU weiter verschlechtert. „Eine Debatte über den künftigen Weg der Milcherzeugung in Deutschland ist längst überfällig; allerdings sollte sie nicht allein den Agrarökonomen überlassen bleiben“, fordert Prof. Dr. Albert Sundrum, Universität Kassel.