Immer weniger Konzerne bestimmen weltweit über einen immer höheren Anteil der Lebensmittelerzeugung und Ernährung, zu diesem Schluss kommen die Autoren des „Konzernatlas 2017“. Wer sind die Verlierer? Wer sind die Gewinner? Wer hat ein Interesse daran, die Liberalisierung des Welthandels voranzutreiben?

Die Liberalisierung des Handels, das höchste Ziel der EU und auch der ÖVP, treibt die Globalisierung voran. Konzernzusammenschlüsse, die Gier und der Wettlauf nach immer mehr Anteilen am Weltmarkt sind die Folgen dieser Politik. Klein- und Mittelbetriebe haben das Nachsehen. Wie ist es dazu gekommen?

Neue Architektur für die Weltwirtschaft

Nach 1945 begannen die westlichen Siegermächte eine „neue Architektur für die Weltwirtschaft zu zimmern“. Dazu wurden zunächst der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank gegründet. Attac Österreich schreibt dazu: „Auf der Konferenz von Bretton Woods/USA 1944 hätte auch die Internationale Handelsorganisation (ITO) geboren werden sollen. Die ITO wurde jedoch zur Totgeburt. Der Grund: Sie war als Teilorganisation der UNO konzipiert und hätte auch Menschheitsziele wie Entwicklung oder soziale Sicherheit verfolgen, Rohstoffpreise festlegen und sogar transnationales Kapital regulieren sollen. Das war den USA zu viel.“ So wurde aus diesem Konzept lediglich die „Liberalisierung des globalen Warenhandels“ herausgepickt und zu einem internationalen Abkommen ausgebaut. Das GATT (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen), trat 1947 in Kraft und mündete schließlich 1995 in der Gründung der WTO (Welthandelsorganisation). Das Ziel der WTO: Freihandel um jeden Preis. „Von der totalen Liberalisierung verspricht sie sich das größtmögliche Wachstum und daraus folgend den größtmöglichen Wohlstand für alle Menschen auf Erden“, so Attac Österreich. Es scheint, als ob die wohllöblichen Ziele der WTO konträr zur tatsächlichen Wirkung verlaufen.

Weizen, Mais, Sojabohnen, Zucker, Palmöl und Reis

Die wichtigsten landwirtschaftlichen Rohstoffe am Weltmarkt sind: Weizen, Mais, Sojabohnen, Zucker, Palmöl und Reis. Die vier Konzerne, Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und die Louis Dreyfus Company, sind auch bekannt als die „ABCD-Gruppe“. Ihr Weltmarktanteil liegt bei 70 Prozent. „Die ABCD-Gruppe ist bestens informiert über Ernten, Preise, Währungsschwankungen, Wetterdaten und politische Entwicklungen in allen Teilen der Welt. Tagtäglich laufen Informationen aus den Anbaugebieten bei ihnen ein, die von ihren Finanzexperten analysiert werden. Der Wirtschaftsdienst Bloomberg nennt Cargill – in Anspielung auf die glänzend über die Wirtschaft informierte US-Großbank – auch den ‚Goldman Sachs des Agrarrohstoffhandels‘. Die extremen Preisschwankungen auf den Weltagrarmärkten bedrohen Cargill nicht etwa, sondern sie nützen dem Handelskonzern“, so die Autoren des Konzernatlas 2017. Was die Zukunft der heimischen Landwirtschaft betrifft, kommt der Entwicklung des Lebensmitteleinzelhandels eine besondere Bedeutung zu. Er ist der Weichensteller, er bestimmt, welche Lieferanten ihre Produkte in den Geschäften verkaufen. Die Stadt- und Regionalplanung fördert seit den 1980er-Jahren den Bau von großen Einkaufszentren außerhalb der Stadt und somit auch das Wachstum der Supermarktketten. Diese Entwicklung schwächt zunehmend die Verhandlungsmacht der Landwirte. Die wachsenden Unternehmen schließen zunehmend kleine lokale Produzenten von der Lieferkette aus und ersetzen diese durch größere, die die wirtschaftlichen Vorteile der Massenproduktion ausnutzen können.

Wal-Mart

Mit 6,1 Prozent des globalen Branchenumsatzes ist Wal-Mart das größte Einzelhandelsunternehmen der Welt. In der EU teilen sich die zehn größten Unternehmen 50 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels auf, davon vier deutsche, vier französische und zwei britische. Die Schwarz-Gruppe, Besitzer des Discounters Lidl, wurde 2014 zum größten Einzelhandelsunternehmen Europas, gefolgt von Tesco (GB), Carrefour (FR), Aldi (D), Edeka (D) und Rewe (D). In Deutschland decken vier Supermarktketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels ab. In Österreich lag 2010 der Marktanteil der fünf größten Konzerne bei über 80 Prozent. Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland e.V., sagte: „Bauern und Bäuerinnen sind die schwächsten Glieder in der Lieferkette. Das, was vom Verkaufserlös bei ihnen ankommt, ist in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Der Konzernatlas zeigt eindrücklich die globale Dominanz von Großkonzernen und die daraus folgende Ungerechtigkeit und globale Ungleichheit. Die Politik muss die Verhandlungsmacht von Bauern und Bäuerinnen stärken.“