Im Jahr 2217: Der Bauer steht auf seinem Feld und wirft die Stirn kraus in Falten. Nicht Kornblumen, Mohn und Raden sind der Grund seines Unmutes, es ist der Enteignungsbescheid. Ein neuer Supermarkt ist von höherem Interesse für die Allgemeinheit, als seine kleine Landwirtschaft. Nahrungsmittel werden heute nur noch in Gunstlagen, außerhalb Österreichs, in hochproduktiven Industriebetrieben erzeugt. Er geht nach Hause, blättert in seinen Büchern und erinnert sich an die Worte seiner Ahnen…

„Es gibt in der ganzen Natur keinen wichtigeren, keinen der Betrachtung würdigeren Gegenstand als den Boden!“, beschreibt Friedrich Albert Fallou (1794-1877), Wegbereiter der modernen Bodenkunde, die Bedeutung der nährenden Scholle. Der Boden ist der schmale Grenzbereich der Erdoberfläche, in der sich Erdkruste, Wasser, Luft und Lebewesen treffen. Er ist die Grundlage des Lebens, sein Wert ist nicht in Zahlen zu fassen. Die Nutzung des Bodens hat die Kultur der Völker und auch die Politik geprägt. Kriege wurden und werden um Grund und Boden geführt.

Wertschätzung des Bodens

Der Boden ist nicht nur die Grundlage der Nahrungsmittelproduktion, es kommt ihm auch eine große Bedeutung zur Sicherstellung von sauberem Trinkwasser zu. Durch seine Filterfunktion kann er aus Regenwasser sauberes Trinkwasser produzieren und durch die Speicherfunktion reguliert er den Wasserhaushalt einer Landschaft. Je mehr Verbauung stattfindet, umso weniger kann der Boden als Speicher dienen. Die Folgen zeigen sich in Naturkatastrophen, wie Überschwemmungen oder Dürreperioden. Durch unbedachtes Handeln und falscher politischer Rahmenbedingungen kann in kürzester Zeit, im Vergleich zur Entstehungszeit, Boden unwiederbringlich verloren gehen. Im Jahr 1990 machte Dr. Ulrich Gisi, im Standardwerk „Bodenökologie“, auf die Verschwendung von Boden aufmerksam: „Der Boden ist in den letzten Jahren vermehrt ins Zentrum der öffentlichen Diskussionen geraten. Durch vielfältige Bauvorhaben wird die nutzbare Bodenfläche immer mehr eingeschränkt und der Boden irreversibel geschädigt.“ Doch all diese Diskussionen scheinen kein Umdenken gebracht zu haben, wie es ein Viertel Jahrhundert später Studien dokumentieren sollten.

Situation seit 1951

Etwa 40 Prozent (ca. 32.900 km2) der Landesfläche Österreichs gelten als besiedelbar. Von 1951 bis 2013 hat sich die landwirtschaftlich genutzte Fläche um 1,35 Millionen Hektar reduziert, das entspricht einem Drittel der Fläche von 1951 (Statistik Austria). Durchschnittlich 157 Hektar pro Tag sind alleine in den 10 Jahren von 2003-2013 einer anderen Widmung zugeführt worden. Laut „Bodenatlas 2015“ werden etwa 22 Hektar pro Tag verbaut, vier Hektar davon werden versiegelt. Außerdem wird auf eine neue Tendenz hingewiesen: Die Verbauung in der Kategorie „Sonstige“ steigt stark an. Etwa 12,4 Hektar pro Tag, mehr als die Hälfte des gesamten täglichen Verbaus, sollen derzeit für Werksgelände, Lagerplätze, Friedhöfe und dergleichen benötigt werden.

Verluste pro Jahr

Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung, empfiehlt dringend zu handeln: „Die Verbauung von durchschnittlich 20 Hektar (30 Fußballfelder) pro Tag während der letzten 10 Jahre gefährdet die Versorgung Österreichs mit heimischen Lebensmitteln und gleichzeitig den Bestand von 500.000 Arbeitsplätzen rund um die Landwirtschaft. Wenn wir das hochrechnen, diese Entwicklung, dann gäbe es in 200 Jahren in Österreich keine Agrarflächen mehr.“ Interessant ist der Vergleich der Bautätigkeit mit anderen Ländern: Österreich verliere etwa 0,5 Prozent seiner Agrarflächen pro Jahr, Deutschland 0,25 Prozent und Tschechien 0,17 Prozent. Österreich verbaue demnach doppelt so viel Fläche als Deutschland. Hinzu kommt, dass nach Schätzungen des Umweltbundesamtes 50.000 Hektar an Gewerbe- und Industrieflächen und Wohnungen leer stehen. Pro Jahr soll sich die Fläche der Leerstände um weitere 1.100 Hektar erhöhen. Diese Zahlen veranlassten die Österreichische Hagelversicherung eine Studie zur Wiederbelebung brachliegender Immobilien in Auftrag zu geben, „um so das Zubetonieren Österreichs zu verlangsamen“. Weinberger schlägt deshalb vor, eine Abgabe auf neu verbaute Flächen einzuheben, die dann dazu verwendet werden könnte, um diese Leerstände entsprechend zu fördern. Bestehende Ressourcen würden so wieder einen wirtschaftlichen Nutzen bringen.

Ernährungssicherheit

Abschließend soll folgende Tatsache, die die Ernährungssicherheit betrifft, zum Nachdenken anregen: Laut „Konzernatlas 2015“ soll Österreich für den Konsum landwirtschaftlicher Produkte, doppelt so viel Land im Ausland, als im Inland beanspruchen. Die Ernährung von Herrn und Frau Österreicher ist somit zu zwei Dritteln vom Ausland abhängig. Was das im Falle einer etwaigen Krise bedeuten würde, beschrieb Udo Ulfkotte in seinem Buch „Was Opa und Oma noch wussten“: „Wir leben von weltweiten Importen und täglich rollenden Lebensmitteltransportern. Einige wenige Supermarktketten sichern die Versorgung der städtischen Zentren. Gleichzeitig haben wir höchstens Vorräte für vielleicht zwei, drei Tage, können wenig selber kochen und wissen gar nicht mehr, wie und wo unsere Lebensmittel produziert werden. Sich selbst zu versorgen, diese Fähigkeit ist uns gänzlich abhandengekommen. Kommt es zu Engpässen, sitzen wir in der Falle. Und die Wahrscheinlichkeit, dass aus der Wirtschafts- und Finanzkrise eine Versorgungskrise entsteht, ist beängstigend groß.“