Handwerk ist ein Schatz! Handwerk und Tradition haben sich über Jahrhunderte entwickelt und bewährt. Welche Bedeutung hat es für unsere Zukunft? Obwohl der Trend zur Massenproduktion an niemandem spurlos vorbeigeht, erfährt das Altbewährte in den letzten Jahren einen Aufschwung. „Der Freie Bauer“ hat eine Meisterin ihres Faches besucht und wurde in die Kunst und Geschichte des Blaudrucks eingeweiht. Beim Betreten der Handwerksstube wird einem sofort bewusst, dass hier etwas Besonderes passiert.

Blaudruck ist nicht gleich Blaudruck. „Blaudruck Wagner“ aus Bad Leonfelden ist der letzte Betrieb in Österreich, der die Blaudrucke auf traditionelle Weise per Hand herstellt. Einen Schatz von etwa 200 Modeln, so nennt man die Schablonen, mit denen man das gewünschte Muster auf das Leinen überträgt, dürfen sie ihr eigen nennen. Von Generation zu Generation wurden diese weitergegeben und gehütet.

Seit 1878 in Bad Leonfelden

Im Jahr 1878 hat sich Karl Wagner, nach neunjähriger Walz quer durch den deutschen Sprachraum, von Schlesien bis zum Elsass, in Bad Leonfelden niedergelassen und einen Betrieb gegründet. Die Blütezeit des Blaudrucks war das 18. und 19. Jahrhundert. Ab 1900 reduzierte sich die Anzahl der Blaudrucke stark. Der Grund: Die Industrialisierung, im Speziellen, der industrielle Walzendruck. Durch die „technische Vervollkommnung in der Textilindustrie“ konnten Stoffe zunehmend schneller und preiswerter hergestellt werden. „Als wir uns vor 20 Jahren dazu entschieden haben die Familientradition weiterzuführen, war es still bestellt um den Blaudruck“, so Maria Wagner. Es war ihnen eine Herzensangelegenheit, die Tradition in die vierte Generation zu führen. Neben dem eigentlichen Broterwerb und den Familienpflichten, wurde damals zwei bis dreimal pro Woche Leinen nach individuellen Kundenwünschen bedruckt. Vor etwa zehn Jahren begann das Interesse zu steigen. Die Lederhosn und das Dirndl, in allen möglichen und unmöglichen Farben, wurden modern. Von diesem Aufschwung profitierte jedoch auch das Echte, das Traditionelle. „Wir erleben einen Aufschwung, weil die Tracht wieder tragbar wurde und auch das Handwerk wieder mehr geschätzt wird. Wenn man sich einen Handdruck ansieht und mit einem Industriedruck vergleicht, stellt man schnell fest, dass das zwei verschiedene Welten sind. Unsere Kunden schätzen außerdem, dass wir ausschließlich Mühlviertler-Leinen, das in unserer Region gewebt wird, verwenden. Das alles sind Pluspunkte, die dem Produkt eine höhere Wertigkeit verleihen.“

Was lange währt, wird endlich gut. Bis der Stoff fertig für den Verkauf ist, dauert es drei bis vier Wochen, erst dann kann es weiter zum Schneider gehen. Das mag für viele in unserer schnelllebigen Zeit, der Wegwerfgesellschaft, eine Ewigkeit sein. Auf etwas warten zu müssen, ob Bekleidung oder technische Geräte, das sind wir kaum noch gewohnt. Wenn etwas gefällt, will man es haben und das am besten sofort. Und billig soll es sein.

Wegwerfgesellschaft

Die Werbung suggeriert dem Kunden, dass er ein bestimmtes Produkt braucht, sonst sei er nicht am Stand der Zeit ober gar unmodern. Zusätzlich hat sich die Lebensdauer vieler Produkte stark reduziert. Gleichzeitig wachsen die Abfallberge, doch das blenden wir aus. Aus den Augen, aus dem Sinn. Der Begriff der „geplanten Obsoleszenz“ begründet das Phänomen der modernen Wegwerfgesellschaft. Dieser Begriff tauchte das erste Mal in den 1920er Jahren in Amerika auf. Das Ziel: Eine geplante Produkt-Selbstzerstörung, die den Konsum immer weiter antreibt. 2011 führte die Ausstrahlung der arte-Dokumentation „Kaufen für den Müll“ zu einer breiten öffentlichen Diskussion dieses Themas.

Entschleunigung

Traditionelles Handwerk ist das Gegenteil davon. „Handwerk hat einen großen Wert. Erstens, Handwerk passiert nie schnell. Das heißt, dass man viel Zeit investieren muss. Genau das brauchen wir in unserer Zukunft, nicht alles muss immer schneller und billiger sein. Gut Ding braucht Weile. Jemand, der sich für einen echten Blaudruck entscheidet, bei dem reift der Prozess schon länger. Wenn man sich dann entschließt, das Projekt zu starten, sucht man sich zuerst das Muster aus, dann wartet man, bis der Stoff fertig ist und schließlich geht man damit zu einem Schneider. So entsteht langsam etwas Einzigartiges, das über Generationen hinweg Bestand hat. Man hat die Möglichkeit, von Grund auf, die Entstehung eines Stückes mitzuerleben. Von Massenware trennt man sich viel leichter“, ist Maria Wagner überzeugt. Nicht nur das traditionelle Blaudruck-Dirndl, eines der ältesten Dirndl überhaupt, das in allen österreichischen Bundesländern zu finden ist, wird aus diesem hochwertigen Stoff gerne gefertigt, sondern auch Trachten-Gilets, Polsterbezüge, Tischwäsche, Röcke und Blusen. Für einen Meter Stoff muss man etwa 70 Euro rechnen.

Das „Blaue Wunder“

Das „Blaue Wunder“, so wird der Blaudruck umgangssprachlich bezeichnet. Wie aus weißem Leinen, ein blaues Kunstwerk entsteht und wo dabei das Wunder versteckt ist, erklärt Maria Wagner: „Der erste Schritt ist, das Leinen sorgfältig auf dem Drucktisch aufzulegen. Auf den Handruckmodel wird dann der ‚Papp‘, eine Substanz, die nach überlieferter Rezeptur gemischt wird, aufgetragen. Nun kann das Muster auf das Leinengewebe übertragen werden. Nach einer Trockenzeit von zwei Wochen, dem sogenannten Versteinern, werden die Stoffe in die ‚Küppe‘, das Farbbad, getaucht. Sobald sich das mit Färbelösung benetzte Leinen an der Luft befindet, kann man die Oxidation beobachten. Hier kann man das ‚Blaue Wunder‘ erleben, denn wenn der Stoff aus den Farbbad kommt, ist er kurz gelb, färbt dann schnell in grün um und wird erst mit der Zeit blau.

Je dunkler der Stoff werden soll, desto öfter wird er eingetaucht, das ist das besondere an der Indigofärbung. Nach dem Färben wird der Stoff getrocknet, anschließend in eine saure Lösung getaucht und daraufhin gründlich gewaschen. Dabei löst sich der zuvor aufgetragene ‚Papp‘ ab und die reservierten Stellen kommen als weißes Muster zum Vorschein.“

Bedeutung für die Zukunft

Welche Bedeutung hat das Handwerk für unsere Zukunft? Dazu hat der Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903-1989) sehr deutliche Worte gefunden: „In dem Maße, in dem das Handwerk durch die Konkurrenz der Industrie ausgerottet wird und in dem der kleinere Unternehmer, einschließlich des Bauern, existenz­unfähig wird, sind wir alle ganz einfach gezwungen, uns in unserer Lebensführung den Wünschen der Großproduzenten zu fügen, die Nahrungsmittel zu fressen und die Kleidungsstücke anzuziehen, die sie für uns für gut befinden, und was das Allerschlimmste ist, wir merken kraft der uns zuteil gewordenen Konditionierung gar nicht, dass sie dies tun.“