„Der freie Bauer“ hat den 2. Präsidenten des Oberösterreichischen Landtags, DI Dr. Adalbert Cramer, im Linzer Landhaus getroffen und zum Interview gebeten.

 

Herr Präsident, Sie haben an der Universität für Bodenkultur studiert. Was waren Ihre Beweggründe dafür und was hat Sie in die Politik verschlagen?
Ich bin in der Südsteiermark auf einem Weingut groß geworden und habe seit frühester Jugend an mit Landwirtschaft bzw. mit Weinbau Kontakt. Ich stamme aus einem sehr politischen Elternhaus. Mein Vater war einige Perioden im Gemeinderat tätig. Auch mein Bruder, der später den Betrieb übernommen hat, ist im Steirischen Landtag aktiv. Für mich war es schon früh klar, dass Politik Teil meines Lebens werden wird. Nach der Matura in der Weinbauschule in Klosterneuburg habe ich mich für ein Studium an der Universität für Bodenkultur entschieden. In dieser Zeit war ich in einer pennalen Burschenschaft und später in einer akademischen Studentenverbindung aktiv. Zusätzlich habe ich mich in meiner Studienzeit beim RFS engagiert. Damals war der RFS noch zweitstärkste Kraft und hatte 30 Prozent Stimmenanteil. Ab Mitte der 70er Jahre hat die 68er-Generation voll durchgeschlagen und die Linke wurde ziemlich stark, unterstützt durch die Gründung von linksextremen Gruppen, Grün-Revolutionären und Marxisten. Damals habe ich auch Herrn Pilz kennengelernt, er ist mein Jahrgang. Die Zeit an der BOKU habe ich in sehr guter Erinnerung. Damals war sie noch eine sehr familiäre Hochschule mit etwa 4.500 Hörern, man hat fast jeden gekannt. Ich erinnere mich auch gerne an die legendären Bokufeste. Oder an einen Hochschülerwahlkampf, als ich mit Herrn Ofner, dem späteren Justizminister, die ganze Nacht plakatiert habe.

Jeder Mensch muss essen um leben zu können. Landwirtschaft ist somit für jeden Menschen lebensnotwendig. Warum wird, Ihrer Meinung nach, eine derart wichtige Sparte dem Weltmarkt geopfert?
Die liberale Wirtschaftsphilosophie, das heißt, dass der Markt alles regeln soll, ist sehr zu hinterfragen. Ich glaube, dass der Markt nicht alles regeln kann. Es gibt einige Bereiche, die man, meiner Meinung nach, dem Markt nicht grenzenlos überlassen darf, wie zum Beispiel der Gesundheitsbereich. Bei der Landwirtschaft ist das ähnlich, insofern, dass die Produktionsbedingungen in den verschiedensten Teilen der Welt unterschiedlich sind. Ist das einzige Regulativ der Markt, dann diktieren jene Gegenden, die aus klimatischen und sonstigen Gründen bevorzugt sind den Preis und all jene Regionen, die nicht mithalten können, werden benachteiligt. Das heißt, es wird zu einem fürchterlichen Verteilungskampf und einem großen Ungleichgewicht kommen. Daher muss es einen gewissen Ausgleich geben. Ich will damit nicht sagen, dass der Staat alles regeln soll, aber er muss darauf achten, dass faire Bedingungen herrschen. Man soll nur das vergleichen, was auch vergleichbar ist. Lebensmittel, die zu Dumpingpreisen in uneingeschränktem Ausmaß zu uns hereindrängen, schaden unserer hochqualitativen Landwirtschaft. An der EU-Landwirtschaftspolitik ist zu kritisieren, dass ihr Ziel die Entstehung großer landwirtschaftlicher Einheiten ist. Letztlich führt diese Entwicklung zu einer Qualitätsminderung der Lebensmittel. In den ehemals kommunistischen Ost-Block Staaten hat man beispielsweise den Bauernstand damals, systembedingt, umgebracht. Unsere traditionell gewachsene bäuerliche Landwirtschaft muss um jeden Preis erhalten bleiben. Vor allem müssen die Bauern für ihre Produkte gerechte Preise erhalten. Es muss auch dem Konsumenten etwas wert sein, dass er ein gesundes, möglichst biologisch produziertes, Lebensmittel erhält. In diesem Zusammenhang spielt auch die Herkunfts-Kennzeichnung eine große Rolle.

Verhindert die EU aus rein wirtschaftlichen Interessen eine Herkunfts-Kennzeichnung für verarbeitete Produkte?
Ja, das würde ich vermuten. Welchen Grund gäbe es sonst? Die lebensmittelverarbeitenden Industrien schauen genau auf ihre Kosten und verarbeiten das günstigere, importierte Flüssig-Ei aus Käfighaltung liebend gerne. Wenn die Herkunft gekennzeichnet werden müsste, dann gäbe es bestimmt einige Konsumenten, die sagen würden: „Eier aus Käfighaltung aus dem Ausland? Das will ich aber nicht, da weiß ich nicht was drinnen ist!“ Ob genmanipuliertes Futter verwendet wurde, oder ob die Hühner mit einer Unzahl von Antibiotika großgezogen worden sind, all das kann dabei nicht ausgeschlossen werden. Gerade der übermäßige Einsatz von Antibiotika stellt für die Humanmedizin eine große Herausforderung hinsichtlich der Resistenzentwicklung dar.

Qualität muss seinen Preis haben. Ist dieses Verständnis bei der Bevölkerung präsent?
In zunehmendem Maße ist ein Qualitätsbewusstsein bei Lebensmitteln feststellbar. Wochenmärkte und regionale Bauernmärkte erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Ich stelle aber auch fest, dass das Verständnis dafür, dass hochwertige Lebensmittel auch ihren Preis haben müssen, in der breiten Bevölkerung noch nicht ausreichend verankert ist. Hier sind die Interessensvertretungen, die Kammern, gefordert. Auch der Handel wäre in die Pflicht zu nehmen, doch dieser folgt ganz eigenen Gesetzen, hier geht es beinhart um Umsatz.

Die Verantwortung für das Land der Vorväter ist nicht in Zahlen zu fassen. Welchen Wert hat Tradition, Brauchtum und Wertebewusstsein in Ihrem Leben?
Ich ein sehr konservativer Mensch. Heimat und Familie sind für mich große Werte. Ehre ist für mich ein bedeutender Wert. Ohne Ehre ist man nichts, ohne Ehre ist man ein schäbiger Hund. Traditionelle Feste, egal ob Brauchtumsfeste oder kirchliche Feste, machen unsere Kultur und unser Selbstverständnis aus. Das gilt es zu erhalten! Das Bewusstsein der bäuerlichen Bevölkerung, dass dieses Land nicht nur Erwerbsbasis ist, sondern mehr, ist stark verwurzelt. Der Boden ist ein Wert an sich, er ist unvermehrbar. Goethe sagte: „Das was du erwirbst von deinen Vätern, erwirb es um es zu besitzen.“ Die Jahrtausende alte Tradition unseres Volkes, ist sehr stark mit den bäuerlichen Werten verbunden. Ich hoffe, dass die Landwirtschaft in seiner ursprünglichen Form erhalten bleibt, angereichert mit den Möglichkeiten, die auch die moderne Landwirtschaft bietet, im Sinne der Werterhaltung. So lange ich dazu etwas beitragen kann, werde ich das auch tun. Ich möchte auf keinen Fall, dass all das einer internationalen, globalen, alles nach unten nivellierenden Landwirtschaft preisgegeben wird.