In regelmäßigen Abständen, wenn die Wiederzulassung zum politischen Thema wird, berichten sämtliche Medien über Glyphosat. Überwiegend sind die Texte sehr emotional, Fakten muss ein Interessierter mühsam suchen. Für einen Laien, und das ist die überwiegende Bevölkerung in diesem Fachbereich, ist die Beurteilung dieses Themas anhand der aktuellen Berichterstattung jedoch beinahe unmöglich.

Die EU hat am 27. November die Zulassung von Glyphosat um fünf Jahre verlängert. Glyphosat ist einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe zur Unkrautbekämpfung. Doch wie wirkt Glyphosat? Es ist eine organische Phosphorverbindung und hemmt das Enzym, das in Pflanzen für die Biosynthese bestimmter Aminosäuren essenziell ist. Fehlen diese Aminosäuren, bricht die Proteinsynthese ab, die Pflanze stellt das Wachstum ein und stirbt. Monsanto patentierte Glyphosat im Jahr 1971. Als Wirkstoff des Herbizides „Roundup“ kam es erstmals 1974 auf den Markt. Mittlerweile ist das Patent jedoch abgelaufen und das Mittel wird von vielen Herstellern weltweit verkauft. Im Oktober 2012 war auf „Deutschlandfunk.de“ zu lesen: „Das Patent läuft aus, die Preise gehen in den Keller und der Gewinn der Chemiefirmen schmilzt. Unter der Billigkonkurrenz leiden alle Anbieter von Herbiziden.“

 

Patent ausgelaufen

Durch die Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln konnte der Ernteertrag bedeutend gesteigert und die Produktionskosten reduziert werden. Ein Aspekt, dessen Bedeutung auf Grund der steigenden Bevölkerungszahlen, dem veränderten Ernährungsverhalten, der erhöhten Nachfrage an Biokraftstoffen und der geringer werdenden Anbauflächen nicht zu unterschätzen ist. Mit dem aufkommenden Grünen-Öko-Gedanken in den 70er-Jahren beginnt die Zeit, in der Pflanzenschutzmittel im Allgemeinen unter Generalverdacht gestellt werden. Glyphosat wurde zum Symbol einer fehlgeleiteten Landwirtschaft stilisiert. Dabei stellt sich jedoch eine grundsätzliche Frage: Welchen Zweck verfolgen EU-Verbote, wenn Produkte weiterhin importiert werden, die mit Wirkstoffen behandelt wurden, die bei uns nicht mehr erlaubt sind?

Im Interview mit dem Tagesspiegel antwortet Prof. DDr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), auf die Frage, ob Glyphosat weiter zugelassen werden soll: „Das ist eine politische Frage und keine wissenschaftliche. In der Wissenschaft ist das Urteil glasklar: Glyphosat ist nicht krebserregend. Aber es geht schon lange nicht mehr um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um Landwirtschaftspolitik. Es gibt auf der Welt nur wenige Wissenschaftler, die Toxizitätsstudien sachgerecht auswerten können, aber trotzdem redet jeder mit. Ich vermute, so mancher will sich in seinen Vorurteilen bestätigt sehen.“

Alleine die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) ist der Meinung, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ sei. Für sie gelten auch Wurst, rotes Fleisch, Kaffee, Alkohol und mehr als 100 weitere Stoffe als „wahrscheinlich krebserregend“.

 

Anwendungsarten

„Die Menge macht den Stoff zum Gift“, besagt eine alte Weisheit. Doch auch die Art der Anwendung! Wie wird Glyphosat angewendet? Hier gibt es weltweit bedeutende Unterschiede. Im Vergleich mit Nord- und Südamerika spielt Glyphosat in Europa eine kleine Rolle. In Nord- und Südamerika wird Glyphosat intensiv bei gentechnisch veränderten, glyphosatresistenten Pflanzen (RoundupReady-Pflanzen) eingesetzt. Als Lebens- und Futtermittel werden diese in großen Mengen nach Europa importiert. Ein Anbau dieser Sorten ist in Europa verboten! In Europa beschränkt sich der Einsatz von Glyphosat-haltigen Mitteln in der Landwirtschaft auf die Unkrautbekämpfung vor der Saat, vor dem Auflaufen der Saat und nach der Ernte. In einigen Ländern ist es ebenfalls erlaubt, diese Mittel kurz vor der Ernte einzusetzen.

Dieses Verfahren nennt sich Sikkation und hat zum Ziel, die Abreife zu beschleunigen, um die Ernte zu erleichtern. Dabei kann es nicht ausgeschlossen werden, dass Rückstände im Erntegut verbleiben. In Österreich ist die Sikkation verboten, sofern das Erntegut für Lebens- und Futtermittelzwecke bestimmt ist! In 100prozentigen österreichischen Lebensmitteln können demnach keine Rückstände von Glyphosat enthalten sein. Eine wesentliche Bedeutung hat Glyphosat bei der bodenschonenden Bearbeitung, wie bei der Direkt- oder Mulchsaat. Es dient dabei als Pflugersatz und verhindert, dass der wertvolle Humus vom Winde verweht und vom Regen abgeschwemmt wird. Bei einem Totalverbot von Glyphosat müsste diese, für den Bodenschutz bewährte, Bearbeitungsmethode komplett auf neue Füße gestellt werden.

In Österreich seien auf Bundes- bzw. Zulassungsebene rechtliche Einschränkungen im Sinne des Integrierten Pflanzenschutzes bereits umgesetzt, unterstreicht die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). „So wenig wie möglich und so viel wie gerade notwendig“ ist hierzulande seit Jahren die Devise. Glyphosat wird ebenfalls in privaten Gärten, Kinderspielplätzen oder von der ÖBB, zur Unkrautbekämpfung auf Gleisanlagen, genutzt. Was sind Alternativen zu Glyphosat?

Da die Erforschung und Zulassung neuer Wirkstoffe etwa zehn Jahre in Anspruch nimmt, werden Landwirte auf andere, noch zugelassene, teurere Herbizide zurückgreifen. „Es gibt zurzeit kein chemisches Mittel, das so effektiv ist wie Glyphosat. Entweder sind die Ersatzstoffe toxischer oder unwirksamer oder beides“, so Prof. Dr. Christoph Schäfers, Ökotoxikologe am Fraunhofer-Institut. Auch der verstärkte Einsatz von mechanischer Bodenbearbeitung wäre eine Alternative, die sich jedoch auf die Produktionskosten, als auch auf die Erosion von wertvollem Humus negativ auswirken würde. „Entweder wandert die Produktion ins Ausland oder die Preise werden nach oben gehen“, zeigt Schäfers die Auswirkungen eines Totalverbotes auf.

Im Bereich der Erforschung von vernünftigen Alternativen zu Glyphosat besteht jedenfalls erheblicher Forschungsbedarf. Dass man grundsätzlich glyphosatfrei Landwirtschaft betreiben kann, davon ist Prof. DDr. Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in Frick (Schweiz), überzeugt: „Aber für eine wirklich umweltverträgliche Landwirtschaft ohne Glyphosat müsste man in den USA, Brasilien und teilweise auch in der EU das ganze System umstellen.“ Ob das in den kommenden fünf Jahren umgesetzt werden kann, bleibt zu bezweifeln.

 

Sikkationsverbot in der EU?

„Würde jedoch die Sikkation europaweit verboten werden, so wie es in Österreich bereits üblich ist, wären auf einen Schlag keine Rückstände von Glyphosat in sämtlichen europäischen Produkten enthalten. Importierte Produkte, beispielsweise aus Übersee, die gentechnisch verändert sind oder Rückstände enthalten, müssen in der Folge gekennzeichnet und mit Zöllen bedacht werden. Auch der Einsatz im privaten Bereich müsste an nachgewiesene Sachkundigkeit gebunden sein“, so der Obmann der Freiheitlichen Bauern OÖ, LAbg Ing. Franz Graf, der eine sachliche Diskussion fordert.