Am 1. Oktober wurde die Quote beim Zuckerrübenanbau EU-weit aufgehoben. Welche Auswirkungen wird diese politische Entscheidung verursachen und wer profitiert davon? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, besuchte „Der Freie Bauer“ Hon. Prof. DI Dr. Heinrich Wohlmeyer auf dem „Dirndlhof“ im Bezirk Lilienfeld.

 

Welche Bedeutung hat die Zuckerproduktion in Österreich und weltweit?
Die Fähigkeit zur Selbstversorgung mit Zucker ist von großer Bedeutung. Die europäische Zuckerindustrie und der Rübenanbau waren immer sehr gut geschützt, der Deckungsbeitrag war daher vergleichsweise hoch. Es wird immer damit argumentiert, dass die Freigabe des europäischen Zuckermarktes Entwicklungshilfe für arme Bauern, vor allem in Südamerika, sei. Die Zuckerrohrproduktion in Südamerika ist allerdings in den Händen von Großgrundbesitzern. Dieses soziale Argument stimmt demnach nicht. All jene die Handels- und Industrieinteressen haben, haben darauf gedrängt, dass die Quote aufgehoben wird.

Die Produktion von Flüssig-Zucker für die Industrie, Isoglukose, war ebenso in der EU-Zuckerverordnung geregelt. Welche Auswirkungen hat die Abschaffung der Quote in diesem Bereich?
Man kann Stärke, aus Mais, Weizen oder anderen stärkehaltigen Feldfrüchten, durch ein Enzym zu Traubenzucker abbauen und diesen dann mittels eines weiteren Enzyms zum Teil in Fruchtzucker umwandeln. Dadurch hat dieses Gemisch dieselbe Süßkraft wie der Rüben- und Rohrzucker. Bezeichnet wird dieses Produkt ‚Isoglukose‘. Dieser flüssige Zucker ist im Industriebereich ein echtes Substitut. Die Isoglukose ist billig, weil sie das ganze Jahr über produziert werden kann. Der Rohstoff ist lagerfähig und kann über weite Strecken transportiert werden, im Gegensatz zum Zucker aus der Rübe. Das Verfahren hat die amerikanische Maisstärkeindustrie hochgezogen. Die europäische Zuckerindustrie hat sich damals jedoch rechtzeitig abgesichert und hat veranlasst, dass laut EU-Zuckerverordnung nur zwei Prozent der gesamten europäischen Zuckermenge Isoglukose sein darf. Wenn das nicht geschehen wäre, hätten die Amerikaner in großen Mengen Iso-Zucker nach Europa exportiert, sowie auch in ihren europäischen küstennahen Stärkefabriken produziert und damit die europäischen Zuckerpreise unterboten. Nach dem Fall der Quote ist auch diese Regelung gefallen. Unter Umständen wird sich die europäische Zuckerindustrie teilweise in die Produktion von Isoglukose flüchten, mit dem Argument, den Amerikanern Paroli bieten zu können und ihre Unternehmen mit den zusätzlichen Erträgen rentabel zu halten. Dann wären die Rübenbauern zweimal in der Zange.

Wie sehen Sie die Zukunft der heimischen Rübenbauern?
Die Situation für die Rübenbauern wird sehr knapp und dramatisch werden. Sie werden unter Preis- und Mengendruck kommen. Das ist absehbar. Eine Möglichkeit diesem Druck zu entgehen, wäre der Aufbau einer Spezialitätenstrategie, denn allein am Mengenmarkt wird der Konkurrenzdruck zu groß sein. Man muss grundsätzlich unterscheiden, wie es der Zuckerindustrie und wie es den Rübenbauern geht. Die Unternehmen an sich, wie die AGRANA, haben sich ertragsmäßig durch Diversifikation abgesichert, aber der Rübenanbau ist nicht mehr abgesichert. Es ist absehbar, dass der Rübenzuckermarkt um jenen Teil einbrechen wird, in dem der Isoglukose-Markt steigen wird.

Wer hat den größten Vorteil von der Abschaffung der Zuckerquote?
Das ist in erster Linie Amerika. Die US-amerikanische Landwirtschaft und die große amerikanische Maisstärke-Industrie werden dadurch einen großen strategischen Vorteil haben.

Wie kann die heimische Produktion vor dem Import von billiger Massenware geschützt werden?

Nur wenn Europa auf das Menschenrecht auf Ernährung pocht, können wir dieser Entwicklung die Stirn bieten. Der angemessene Zollschutz ist ein Instrument, das uns nach außen schützen kann. Wir haben bewusst eine kleinstrukturierte, regional organisierte Landwirtschaft, die der Natur der Sache nach teurer produziert. Wenn diese Mehrkosten an der Grenze abgeschöpft werden, kann die heimische Landwirtschaft vor billiger Importware geschützt werden. Dies ist rechtlich im Rahmen der Welthandelsorganisation möglich. Eine gesicherte Selbstversorgung ist besonders im Krisen- oder Kriegsfall von existentieller Bedeutung. Produzenten aus Übersee werden uns im Falle des Falles sicher nicht versorgen. Damit eine Versorgung grundsätzlich zukunftssicher ist, muss sie regional sein. Um die regionalen Absatzmärkte zu stärken, sollten auch die Instrumente der Raumplanung erweitert werden. Wir müssen sagen, wir haben ein Lebensrecht auf den Schutz unserer kleinstrukturierten, landschaftserhaltenden, nach höheren ökologischen Standards produzierenden und uns im Krisenfall sichernden Landwirtschaft. Was die Ernährung betrifft, in dieser unsicher gewordenen globalen Welt, müssen wir uns rückversichern, unbedingt! Die Politiker müssen sich dessen bewusst sein und auch Sonderregelungen auf europäischer Ebene erkämpfen wollen. Da wir die Handelspolitik der EU überantwortet haben, ist dies schwer, weil wir gegen Länder mit Importinteressen anzukämpfen haben und in der Regel Industrieinteressen gegen Landwirtschaftsinteressen getauscht werden.

Gibt es Zusammenhänge bei der Abschaffung der Milchquote und der Zuckerquote?
Es ist dieselbe Politik, aber es gibt keinen direkten Zusammenhang. Es ist dieselbe Ideologie, die den ungezügelten freien Weltmarkt fordert, im Glauben, dass dieser alles zum Optimum führen wird. Doch dieser freie Weltmarkt ist in Wirklichkeit vermachtet und wird daher nicht zum Optimum führen. Bei der Milch ist es auch um staatliche Strategien gegangen. Die drei Länder, die in der EU die Liberalisierung der Milchquote vorangetrieben haben, waren Dänemark, Holland und Irland. Diese Länder haben ihre Milchwirtschaft weitestgehend auf Importfuttermittelbasis aufgebaut. Ihr Interesse ist es, ihre Massentierhaltung weiter auszubauen und den Rest Europas zu beliefern. Mit dem Mäntelchen des freien Marktes und der idealen Konkurrenz wird dieses Bestreben überdeckt.

Warum wird der bedeutende Sektor der Lebensmittelproduktion dem Weltmarkt geopfert?
Wir sind in Wirklichkeit Vasallen der USA. Wenn man sich die Handelsbilanz der USA ansieht, dann gibt es drei große Aktiva: Waffen, Medien- und Finanzprodukte und die Landwirtschaft. Europa ist für die USA klar ein Zielmarkt. Ein US-Landwirtschaftsminister hat mir seinerzeit gesagt: „Für uns ist die Landwirtschaft ein unverzichtbarer Exportartikel, und wenn ihr Europäer eure Kulturlandschaft erhalten wollt, dann zahlt eure Bauern als Landschaftsgärtner, aber wir können alles billiger liefern.“