Landwirtschaft zwischen Lebensmittelproduktion und Landschaftsgärtnerei

Jeder braucht sie. Jeder glaubt sie zu verstehen. Jeder hat eine Meinung dazu. Kurzum: Landwirtschaft lässt keinen kalt. Doch das Wissen darüber reduziert sich in der Bevölkerung immer mehr. Absurde Forderungen von NGOs fallen daher auf fruchtbaren Boden.

Hon. Univ.-Prof. DI Dr. Heinrich Wohlmeyer, ein Experte für internationalen Handel, erzählte dem „Freien Bauern“ von einem interessanten Gespräch mit einem ehemaligen US-Landwirtschaftsminister: „Für uns ist die Landwirtschaft ein unverzichtbarer Exportartikel, und wenn ihr Europäer eure Kulturlandschaft erhalten wollt, dann zahlt eure Bauern als Landschaftsgärtner, aber wir können alles billiger liefern.“

Im Agrar-Atlas, ein Produkt der Heinrich-Böll-Stiftung (parteinahe Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen) und des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND, eine der größten Umwelt-NGOs Deutschlands) ist zu lesen: „Damit die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU gesellschaftlich akzeptiert wird, muss sie Umwelt und Klima schützen, die Artenvielfalt erhalten, das Tierwohl verbessern und kleine und mittlere Betriebe fördern.“ Und tatsächlich: Von einer GAP-Periode zur nächsten werden die Ausgleichszahlungen, die den Bauern als Ausgleich für den Preisverfall im Zuge der Liberalisierung versprochen wurden, mehr und mehr an Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen gebunden.

Umwelt und Klima

Laut Erhebungen der Weltbank hat sich die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Österreich von 1961 bis 2013 von 49 Prozent auf 38 Prozent reduziert. In den letzten 10 Jahren wurden täglich durchschnittlich 20 Hektar versiegelt, europaweit sind es täglich etwa 240 Hektar! Doch NGOs geben der Landwirtschaft die Hauptschuld am Verlust von Biodiversität und dem Klimawandel.

Greenpeace bezeichnet sie als „Klimakiller“. Die Kühe pupsen einfach zu viel! Ihre Forderung: Dem Weltklima zuliebe soll die europäische Landwirtschaft extensiver wirtschaften und auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Die eigentliche Bedeutung der Landwirtschaft, die Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln, wird in der Debatte ausgeklammert.

Was wird verschwiegen?

Der Bevölkerung wird auch verschwiegen, dass diese Phantasien eine Erhöhung des Anteils der Haushaltsausgaben für Lebensmittel von derzeit 12 Prozent auf über 30 Prozent zur Folge haben könnte. „Je weiter entfernt von der Mühsal des Nährstandes, desto rigider die Forderung nach mehr Naturschutz“, schreibt der Politologe Dr. Wolfgang Bok im Magazin „Cicero“, der das bayerische Artenschutz-Volksbegehren, das nun auch Umwelt-Landesrat Rudi Anschober kopiert, mit „modernem Ablasshandel“ gleichsetzt.

„Werden unsere Bauern weiterhin durch überzogene, unwissenschaftliche Forderungen von wohlstandsverwöhnten Leuten im Namen des Umwelt- und Klimaschutzes zum Aufgeben gezwungen, dann werden stattdessen zukünftig mehr Lebensmittel aus Ländern importiert werden, für die der Umweltschutz kaum eine Bedeutung hat“, mahnt KR Ing. Franz Graf. Brisant ist in dieser Hinsicht die Entwicklung in der Transportbranche, die keine Einschränkung erfährt: Laut Statista wird sich der Luftfrachtverkehr bis 2036 mehr als verdoppeln und die Transportleistung der Seeschifffahrt soll sich bis 2050 mehr als vervierfachen!

Entfremdung

„Vor drei oder vier Jahrzehnten war jeder vierte Österreicher in erster oder zweiter Generation mit einem Landwirt verwandt. Heute ist es jeder vierzigste“, so erklärt sich der Sprecher der Landwirtschaftskammer Österreich, Joseph Siffert, die Entfremdung von der Landwirtschaft, die zunehmend zu Konflikten führt. Wie etwa der Fall in Tirol: Kürzlich wurde ein Landwirt erstinstanzlich zu einer Zahlung von 490.000 Euro verurteilt, da seine Kühe eine Touristin, die mit ihrem um die Hüften angeleinten Hund auf einer Alm unterwegs war, tödlich verletzt hatten. Warntafeln, die auf die Mutterkuhhaltung hinweisen, seien nicht ausreichend, so der Richter.

So tragisch dieser Fall auch ist, zeigt er deutlich, wie ahnungslos viele Menschen in punkto Natur sind und dass auch die Eigenverantwortung zunehmend schwindet. Amerikanische Zustände machen sich breit in Europa! Die Bauern sind empört und verunsichert. Noch vor dem Sommer soll deshalb eine Versicherungslösung für Landwirte finalisiert werden. Wer die Kosten für die erhöhten Prämien tragen wird, blieb vorerst unklar

Eigentum

Anders als im Wald, der seit 1975 zu Fuß für Erholungszwecke betreten werden darf, ist auf landwirtschaftlichen Flächen und Almen die Erlaubnis des Eigentümers erforderlich. Den boomenden Wandertourismus duldet der Bauer, für ein gutes Miteinander mit dem Tourismus. Mit den Auswirkungen wird er allerdings allein gelassen. Müll auf Feldern, Wiesen und Almen. Hundekot, der schließlich im Grundfutter landet. Umweltschutz? Ja! Aber nur, wenn’s einen nicht persönlich trifft!

Neiddebatte

Die Landwirtschaft ist der einzige Politikbereich der EU, der vollständig vergemeinschaftet ist. Als einzige Berufsgruppe müssen sich die Bauern daher eine öffentliche Kostendebatte gefallen lassen. Würde es für die Wirtschaft ähnliche Transparenzdatenbanken geben, wäre ein Aufstand vermutlich das geringste Problem. Was verdrängt wird: Wenn alle Politikbereiche vergemeinschaftet wären, würde das Agrarbudget lediglich 0,3 Prozent des EU-Haushaltes ausmachen. Neiddebatten, die durch die mediale Berichterstattung der überwiegend sozialistischen Schreibstuben in regelmäßigen Abständen vom Zaun gebrochen werden, lassen die schwarzen Bauernfunktionäre in argumentative Schockstarre verfallen. Warum ist von diesen „starken Männern“ niemand in der Lage, den Bauernstand ordentlich zu verteidigen?

Dieser Artikel erschien in der Printausgabe 01/02 2019 vom 08.03.2019