Lebensmittel: Die ersten Gesetze gegen die Wegwerfgesellschaft

1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel werden im Jahr weggeworfen. Das ist rund ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel. Österreichische Haushalte werfen bis zu 157.000 Tonnen an angebrochenen und original verpackten Lebensmitteln weg.

Gegen diese Entwicklung versuchen bisher vier europäische Länder vorzugehen – Frankreich, Italien, Belgien und die Tschechei. Alle drei Länder verboten den Supermärkten, Lebensmittel wegzuwerfen, die noch konsumierbar wären. In der Tschechei müssen Supermärkte unverkäufliche Ware an wohltätige Organisationen spenden. Gegen das Gesetz wurde erfolglos vor dem Verfassungsgericht geklagt, dieses hat die Regelung aber für rechtens erklärt. Die Regelung sei kein Eingriff in die Eigentumsrechte, sondern vielmehr ein Teil der internationalen Bemühungen, Lebensmittelabfälle zu reduzieren, so das Gericht.

Tschechen setzen auf Aufklärung

Das Gesetz gilt für Lebensmittelgeschäfte, die eine Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern haben. Diese Märkte werden verpflichtet, ein Abkommen für Lebensmittelspenden mit einer karitativen Organisation zu schließen. In der Schule soll zudem Unterricht gegen die Verschwendung von Lebensmitteln in den Lehrplan aufgenommen werden.

Es geht es dabei um noch nicht abgelaufene Lebensmittel, die „aus welchen Gründen auch immer“ aus dem Verkauf genommen wurden. Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum fallen nicht unter die Regelung. Falls die Supermärkte gegen das Gesetz verstoßen, droht eine Geldstrafe von bis zu 391.000 Euro. Großes Vorbild für das tschechische Gesetz ist dabei Frankreich.

Strenges Frankreich?

Frankreich verbietet den Geschäften schon seit 2016, Lebensmittel wegzuwerfen. Hier geht das Gesetz sogar noch weiter: Die Supermärkte müssen alle nicht verkauften oder unverkäuflichen Lebensmittel entweder für wohltätige Zwecke spenden oder als Tierfutter bzw. als Kompost der Landwirtschaft zur Verfügung stellen. Auch Italien geht gesetzlich gegen Lebensmittelverschwendung vor – und zwar mit Steuererleichterungen für Supermärkte.

Der Handel in Frankreich kritisierte, dass die Maßnahmen ihr Ziel verfehlten, denn der Großhandel sei lediglich für fünf Prozent der verschwendeten Lebensmittel verantwortlich. Zudem sei der Großhandel bereits jetzt der größte Spender und arbeite eng mit Hilfsorganisationen zusammen. Das weitaus größere Problem seien die Konsumenten, die jährlich im Durchschnitt bis zu 30 Kilo noch genießbare Lebensmittel wegwerfen würden. Die französische Politik konterte Kritik damit, dass es sich hierbei nur um einen Punkt eines umfassenden Maßnahmenpaketes handele, dessen Ziel es sei, bis 2025 die Verschwendung zu halbieren.

Essen aus dem Restaurant mitnehmen?

Die Regierung unterbreitete mehr als 40 Vorschläge, um die Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Einer der Vorschläge lautete etwa, dass Franzosen in Restaurants nicht verzehrtes Essen mitnehmen sollen. Würde der Verlust der Nahrungsmittel insgesamt eingedämmt, könnten auch die Preise sinken, hieß es von der französischen Regierung. Auch die karitativen Organisationen in Frankreich sehen die Auswirkungen des Gesetzes im Rückblick der letzten drei Jahre eher positiv. Insgesamt erhalte das Netzwerk aus 5.000 Tafeln jetzt fast die Hälfte aller Spenden direkt von Lebensmittelläden.

Dabei liegt Frankreich bei der Lebensmittelverschwendung sogar noch im unteren Feld der westlichen Länder. Während die UN die Lebensmittelverschwendung von Verbrauchern im Süden von Afrika und in Südasien auf 6–11 Kilo pro Jahr schätzen, werden in Europa und Nordamerika pro Jahr 95–115 Kilo weggeworfen.

Ernüchternde Bilanz

Laut einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) aus dem Jahr 2011 gehen in den Industrieländern die Lebensmittel zu über 40 Prozent im Handel sowie bei den Konsumenten verloren – Tendenz steigend. Überwiegend werden essbare Lebensmittel weggeworfen. Die Gründe dafür liegen einerseits in der mangelnden Abstimmung zwischen den einzelnen Handelsstufen und andererseits in den Konsumgewohnheiten.

Viele Lebensmittel werden weggeworfen, weil sie in Form und Aussehen nicht der erwarteten Norm entsprechen. Fehlende Einkaufsplanung oder übertriebene Vorsicht bei Haltbarkeitsdaten werden in der FAO-Studie ebenso genannt. Oft wird zudem mehr eingekauft, als tatsächlich benötigt wird. Durch geschickte Vorratsplanung könnte der Verschwendung entgegengewirkt werden.

Und Österreich?

In der österreichischen Politik hofft man aber eher auf Freiwilligkeit und Prävention, als dass man mit Gesetzen reagieren wollte. Rund 16.000 Tonnen Lebensmittel wurden im Jahr 2017 von Handel und Produktionsbetrieben in Österreich an karitative Einrichtungen gespendet – davon knapp 9.000 Tonnen vom Handel. Die Zahl steigt seit Jahren stetig an.

Dieser Artikel erschien in der Printausgabe 01/02 2019 vom 08.03.2019